Costa Rica und der Quetzal
Eines ist klar: wenn meine Frau und ich eine Reise durch Costa Rica machen, dann wollen wir auch die Nationalparks und Urwälder durchstreifen und viele Tiere sehen, möglichst auch die schönen und seltenen – und der Quetzal ist eines davon. Hoffnung auf Erfolg haben wir kaum, denn ich habe noch keinen Costa Rica-Reisenden getroffen, der einen Quetzal in der Wildnis gesehen hätte – und auch die Informationen im Web sind ausgesprochen düster.
Der Quetzal – für viele der geheimnisvollste und schönste Vogel der Welt – lebt ausschließlich in den Nebel- und Wolkenwäldern Mittelamerikas. Es ist daher klar, dass wir auf unserer dreiwöchigen Rundreise auch ein Quartier im gebirgigen Monteverde buchen. Dort liegen die Nebelwälder, in denen der Quetzal zuhause ist.

In den Nebelwäldern von Monteverde
Mit Spannung verlassen wir bei wunderbarem Wetter unser Quartier in La Fortuna, wo wir einige Tage im Arenal Manoa Resort verbracht haben, mit faszinierendem Blick auf den nahegelegenen Vulkan Arenal. Ihm verdankt man das warme Thermalwasser, das in den acht Thermalbecken der gepflegten Bungalowanlage heraussprudelt.
Jetzt aber geht es auf kurvenreicher Straße hinauf in die Berge! In der kleinen Ortschaft Santa Elena beziehen wir im Camino Verde B&B unser Quartier. Das Zimmer ist klein, aber die große Frühstücksterrasse bietet großartigen Ausblick auf die Wälder.
Uns fällt auf: Hier heroben bläst ununterbrochen der Wind, häufig sogar ein Sturm. Die Bergrücken von Monteverde sind nämlich eine Wetterscheide, hier kommt es zum Druckausgleich zwischen den pazifischen und atlantischen Luftmassen. Überdies ist hier gleichzeitig auch die Wasserscheide! Es fasziniert mich die Vorstellung, dass ein Regentropfen das Schicksal haben könnte, entweder nach Osten in den Atlantik oder nach Westen in den Pazifik zu fließen.
Von unserem Quartier aus sind es nur wenige Kilometer zum Monteverde Cloud Forest (Bosque Nuboso Monteverde). Wir haben eine Tour gebucht und erhoffen uns durch einen erfahrenen Guide größere Chancen auf einen „Jagderfolg“. Am Eingang zum Nationalpark warten wir vergeblich, der Guide kommt nicht, und auch sonst wartet niemand. Meine Frau und ich machen uns also allein auf den Weg. Erst später kommen wir dahinter, dass wir zum falschen Treffpunkt gefahren sind. Im Nachhinein sind wir überzeugt, dass dieses Malheur eine glückliche Fügung gewesen ist.
Das mehr als 10.000 Hektar große Schutzgebiet des Monteverde Cloud Forest beherbergt rund 3.000 Pflanzenarten, darunter 755 Baumarten. Und auch der Artenreichtum der Fauna ist beeindruckend. Wir durchwandern das rund 13 km lange, gut ausgebaute Wegenetz.

Das Geheimnis der offenen Augen
Ab und zu treffen wir kleine Besuchergruppen mit erfahrenen Guides, die da und dort ihre Touristen auf Sehenswertes aufmerksam machen. Wir hingegen gehen selbst mit offenen Augen durch die Natur, inspizieren Boden, Dickicht und Bäume, um Tiere zu entdecken. Wir müssen erkennen, dass es Botaniker hier im Urwald bedeutend leichter haben. Die mit Flechten und Epiphyten bewachsenen Bäume sind wahrlich beeindruckend. Aber die Tierwelt ist deutlich schwieriger aufzustöbern. Wo ist jetzt dieser sagenhafte Quetzal?
Nach rund zwei Stunden sind wir wieder am Rückweg zum Ausgang des Nationalparks, meine Frau vornweg, ich einige Schritte hinter ihr. Da bleibt sie plötzlich stehen und flüstert: „Psst, – sei still! Beweg dich nicht! Schau, da drüben!“ – In der Tat, in etwa 20 Metern Entfernung schimmert aus dem dichten Geäst etwas leuchtend Grünes hervor. Vorsichtig bringe ich meine Nikon Z7II in Anschlag, zoome mit dem 24-120 auf Tele. Es ist ein Quetzal, deutlich an seinen langen, gebogenen Schwanzfedern zu erkennen! Und – neben ihm sitzt sein Weibchen!

Wir können unser Glück gar nicht fassen. Wir fotografieren, was das Zeug hält. Wir bringen sensationelle Fotos nach Hause, auf denen in freier Naturbahn ein Quetzal-Männchen und sein Weibchen in trauter Zweisamkeit festgehalten sind! Wir bleiben eine gute halbe Stunde an dieser Stelle und können beobachten, wie das Männchen immer wieder ein paar Meter zu einem dicken Baumstamm fliegt. Es erweitert emsig mit seinem Schnabel die Bruthöhle im morschen Holz! Bei seiner Arbeit verschwindet er bereits fast zur Hälfte im Loch, kommt dann heraus und schleudert mit einer schwunghaften Drehbewegung ein Holzstückchen aus seinem Schnabel hinab auf den Waldboden. Das macht er immer wieder, dann fliegt er zwischendurch zu seinem wartenden Weibchen hinüber. Es gibt also bald Nachwuchs!

Wir beobachten die Situation fasziniert und zeigen sie auch einem vorbeikommenden Besucherpärchen, das sich bedankt, aber gleich weiter Richtung Ausgang eilt. Ähnliches hat offenbar auch ein Guide mit seiner Gruppe vor, die sich quatschend nähert. Er sieht mich, wie ich mit der Kamera etwas im Dickicht anvisiere, bleibt abrupt stehen und zückt sofort sein Fernglas. Wir sind sicher, er wäre samt seiner Gruppe vorbeigegangen – so wie offenbar schon mehrere Gruppen davor. Es scheint noch niemand die Sensation entdeckt zu haben. Denn sonst hätte das unter den Guides löngst die Runde gemacht.
Nach unserer wunderbaren Entdeckung werden also zahlreiche Besuchergruppen an dieser Stelle Halt machen, denn die Aufzucht der Brut wird einige Wochen dauern und es wird an dieser Brutstelle noch viel zu sehen geben. Hoffentlich wird unser wunderbares Vogelpärchen dadurch nicht gestört!
